Die neuen Leiden des jungen Magnus | Home


Es geschah Mitte Oktober 1994. Zu dieser Zeit war ich wegen starken Konzentrationsstörungen die dritte Woche krankgeschrieben, aber der eigentliche Grund war mein Geisteszustand, ich hatte Halluzinationen, was allerdings niemand wusste. Diese paranoide Psychose, so genannt, wie ich später erfahren sollte, entwickelte ich bereits im März dieses Jahres während einer Fahrt mit dem PKW von der CEBIT in Hannover nach Augsburg. Während dieser Fahrt sah ich des Öfteren Lichtblitze, weswegen ich meinte, "geblitzt" worden zu sein. In den darauf folgenden Monaten hörte ich öfters Geräusche, wie z.B. das Knacksen eines Fensters, welche aber zu oft hintereinander auftraten als normal. Dann begann ich das Knacksen auf eine gedanklich gestellte Frage mit "Ja" als Antwort zu interpretieren. Ungefähr ein bis zwei Monate vor der Krankschreibung hörte ich dann erstmals Stimmen und hatte auch beginnend optische Halluzinationen, Stimmen und Bilder in Einklang, sodass diese nicht als Halluzinationen erkennbar waren und nur durch ihre Inhalte als seltsam anmuteten, so beispielsweise: Ich verlasse einen Laden und drehe mich noch einmal um, da sehe und höre ich, wie die eine Bedienung zur anderen sagt: "Des war des Arschloch!"

Aber zurück zur Zeit meiner Krankschreibung. Die Halluzinationen wandelten sich in religiöse Inhalte, Stimmen von Gott und vom Teufel, welche Gericht hielten über mein bisheriges Leben. Ich unterhielt mich mit den Stimmen, obwohl ein Christ ja nicht mit dem Teufel kommunizieren darf. Damals verfiel ich in ständiges Beten, um mir Erleichterung zu verschaffen. Dann kam ich auf die Idee, einen Priester um Rat zu fragen; so fuhr ich also zu dem Marienwallfahrtsort Maria Vesperbild und wartete auf einen Pater, welcher gerade eine Messe abhielt. Ich konnte ihm nichts von den Halluzinationen sagen, da die Stimmen mir das verboten hatten, aber ich sagte ihm, ich hätte mit dem Teufel gesprochen, worauf dieser mich ermahnte, als Christ dies nicht tun zu dürfen. Er meinte dann, ich könne ja, falls ich Zeit und Geld hätte, nach Lourdes fahren, um Buße zu tun. An dieser Stelle möchte ich noch erläutern, dass Lourdes ein berühmter Marienwallfahrtsort in den Pyrenäen ist (Süd-Frankreich). Dort ist der 15-jährigen Müllerstochter Bernadette Soubirous 18 Mal hintereinander in der Grotte von Massabielle Februar bis Juli 1858 die Muttergottes erschienen. Das Wasser, welches von dieser Grotte kommt, soll heilende Kräfte besitzen, der Grund, warum 5 Millionen Pilger, zumeist kranke Menschen, jedes Jahr diesen Ort besuchen.

So manifestierte sich also die Absicht nach Lourdes zu fahren, bis mir an diesem Sonntag die Stimmen befohlen hatten, dies zu tun. So fasste ich also Hals über Kopf ohne irgendeine Planung den Entschluss zu fahren, allerdings wusste ich nicht, ob mit dem PKW oder dem Zug, weswegen ich die Stimmen befragte; sie rieten mir zum Zug, worauf ich sofort die Bahn in Augsburg anrief, um die Abfahrt des nächsten Zuges nach Lourdes zu erfragen und auch bezüglich der nötigen Reservierungen.

Meine Mutter, die inzwischen vom sonntäglichen Kirchgang zurückgekehrt war, packte mir unter Protest, sie wollte mich nicht fahren lassen, meine rote Reisetasche. Mein Bruder aber, der zu dieser Zeit seine zukünftige Frau kennengelernt hatte und weswegen ich derzeit zu ihm ziemlich wenig Kontakt hatte, überredete meine Mutter mit den Worten, dass ich alt genug sei. Auch mein Vater war gemischter Gefühle, fuhr mich dann aber doch nach Augsburg.

Um 21.45 Uhr sollte der Zug nach Lourdes ab Augsburg Hauptbahnhof abfahren, er kam aber mit zehnminütiger Verspätung an. Am Bahnsteig verabschiedete ich mich von meinem Vater, der mir noch alles Gute wünschte, griff meine rote Reisetasche und bestieg den Zug, der mich in die Ungewissheit führen sollte. Meine Eltern ließen mich fahren, da sie bis dahin keine gravierenden Veränderungen in meinem Verhalten feststellten. Sogleich kamen mir zwei ca. 30-jährige Männer entgegen, die durch ihren lauten Ton auffielen und allem Anschein nach angeheitert waren. Sie fragten mich auf Englisch, ob ich der englischen Sprache mächtig wäre. Nachdem ich ihnen dann in Englisch geantwortet hatte, beschwichtigten diese mich auf Deutsch, was nach deren Gelächter mich in der Annahme eines gelungenen Scherzes bestätigte. Ich ging unverzüglich zum Schlafwagenschaffner in der Hoffnung noch einen freien Platz in einem Schlafwagenabteil zu ergattern, da aufgrund meiner überstürzten Abreise keine Reservierung diesbezüglich mehr möglich war. In dem mir zugeteilten Abteil waren bereits ein Mann mit seiner kleinen Tochter. Es waren beiderseits drei Liegen übereinander, wobei ich die oberste Liege rechts zugeteilt bekam. Unter mir lag der Mann und ihm gegenüber seine kleine Tochter.Dann wurde ich wieder mit einem paranoid-halluzinatorischen Schub konfrontiert. Damals wusste ich noch nichts von dieser Krankheit, da die meisten optischen und akustischen Halluzinationen derart in Einklang waren und dadurch eine für den Betreffenden absolute Realität darstellen, die nur durch die Inhalte befremdlich anmuten und eben nur auf diese Weise als solche erkennbar sind. Da ich mit dieser Krankheit schon seit Längerem behaftet war, traten auch Stimmen und in gleichem Maße auch Geräusche ohne optische Effekte auf, was ich auf besondere parapsychologische Fähigkeiten als eine Art Auserwählter zurückführte. Es gab gute und böse Stimmen. Der Gute hatte eine beruhigende väterliche Stimme, die mich immer ermahnte: "Bua, dua beta!" Ich war damals völlig im Bann dieser Stimmen. Sie reagierten in erstaunlicher Weise auf meinen Gefühlszustand und kommentierten und kontrollierten sämtliche Absichten und Handlungen, was zu einem immer stärker werdenden Krieg in meinem Kopf führte, der seinen Höhepunkt in Lourdes finden sollte.

Als ich mich hingelegt hatte, ausgerüstet mit meinem silbernen, geweihten Kreuz, welches ich an einer Kette um den Hals trug, und einem liturgischen Gemeindetext, wurde mir eine Fahrsuhlszene vorgegaukelt (aber nur akustisch) und ich nahm den Kampf erneut auf. Ich befand mich quasi in einem Fahrstuhl zwischen Himmel und Hölle (meine Seele). Der Fahrstuhl war überlaut zu hören und deutlich konnte ich im leiser werdenden Geräusch die Fahrtrichung nach unten erkennen. Damals schwirrte mir dauernd der Begriff Wichser durch den Kopf, und immer, wenn ich dieses Wort dachte, ruckte der Fahrstuhl an und fuhr ein Stück nach unten. Ich wollte auf keinen Fall in die Hölle (ich dachte dieses Wort immerzu, obwohl ich es nicht wollte), da sagte der Gute zu mir, ich dürfe genau 10 Minuten lang dieses Wort nicht denken, dann wäre ich gerettet, was ich aber nicht durchhielt. Und so fuhr ich, mein Kreuz umklammernd und immer wieder betend, weiter Richtung Hölle, bis schließlich der Fahrstuhl unten angelangt war. Ich hörte schon die Höllengesellen an der noch geschlossenen Tür schaben und flehte unter lautem Schluchzen und Heulen zu Gott, dass er mich nicht verdammen möge und mir noch eine Chance gebe. Da meldete sich wieder der Gute und bestärkte mich im Beten und so fuhr der Fahrstuhl wieder etappenweise nach oben. Nach Stunden des Kampfes und der Verzweiflung schlief ich dann irgendwann ein.

Der Schlafwagenschaffner weckte mich unsanft und gab mir meinen Ausweis zurück. Dies sollte bis Donnerstagnacht mein letzter Schlaf gewesen sein. Als ich mich von dem fremden Mann verabschiedete, antwortete mir dieser nicht (wahrscheinlich hielt er mich für verrückt anhand von dem, was er mitbekommen hatte). Ich ging in den Waschraum und putzte mir die Zähne. Ich erschrak furchtbar durch das sehr laute Geräusch von Pistolenschüssen direkt neben meinem Kopf mit der Auflage, dass diese Schüsse mich nur dann töten würden, wenn ich daran glaubte, dass diese eben dies könnten. Als ich die Tür des Waschraums öffnete, sah ich, dass der Zug schon in Paris Ost gehalten hatte und ich mit dem Aussteigen sehr beeilen musste. Um meinen Anschlusszug zu erreichen, bedurfte es einer Fahrt mit der Pariser Metro. Er sprach mir ständig dazwischen: "Des schaffsch du so net!", "Mensch, beeil di!", "Mei, bisch du bled!", "Kennsch di net aus, ha?" Als ich, nachdem ich meine Haltestelle verpasst und bis zur Endstation gefahren war, eine hilfsbereite Studentin mit Deutschkenntnissen gefunden hatte, meldete er: "Mei Bua, du hasch mehr Glück als Verstand!" Nachdem diese mir erklärt hatte, wie ich zu meinem Anschlusszug gelangen würde, machte ich mich auf den Weg. Als ich ankam, war dieser Zug, bei dem ich eine Platzreservierung gehabt hätte, aber schon abgefahren und so musste ich mein Ticket durch einen Preisaufschlag auf einen späteren Zug erweitern. Dabei handelte es sich um eine Zugverbindung nach Lourdes mit Umstieg in Bordeaux.